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Neue CDs und Bücher - vorgestellt von Rainer Katlewski (TROTTOIR-Redakteur)

Haben auch Sie eine neue CDs und/oder Buch zur Vorstellung in TROTTOIR-Online?
Dann schicken Sie uns Ihre Veröffentlichung für die nächste Ausgabe bis zum 31.07.2003 an folgende Adresse. - Falls der Platz ausreicht, werden wir Ihre CD oder Buch auch gerne im gedruckten Magazin vorstellen.
TROTTOIR MAGAZIN Maltha Druck & Verlag
Carl-Benz-Str. 7, 56751 Polch
Tel. 02654-2942 - Fax. 02654-3279

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Das alte Europa

und das werdende Europa sind Gegenstand vieler Diskussionen. Zu einer Liederreise auf den Spuren Europas lädt uns Ingo Barz ein: Das macht, daß wir uns finden... (Schnitterhof Verlag 039972-50173; 18 Tracks, 62:00 min, Texte). Schöne, wechselvolle Lieder sind dem Mecklenburger Liedermacher da gelungen, die den Mut wecken können sich der europäischen Vielfalt zu nähern. Angefangen beim antiken Kreta über das römische Reich, das aufkommende Christentum, das Mittelalter, die Aufklärung und die bürgerlichen Revolutionen, bis über den zweiten Weltkrieg hin zum November 1989 spannt er thematisch den Bogen. Eine CD die man sich gern anhört, weil sie textlich ausgefeilt und musikalisch abwechslungsreich ist und sich wohltuend vom Nonsens anderer abhebt. Acht türkische Lieder präsentieren Sevgi & Merhaba unter dem Titel Dostum (Tel.: 02304-12857; 8 Tracks, 33:03 min), als ihren Beitrag türkische Musik einem breiteren deutschen Publikum vorzustellen. Die Deutsch-Türkin Sevgi Kahraman hat sich eine Jazzformation als Begleitung ausgesucht, so daß ihre sehr schönen Lieder eine eigenwillige Klangmischung ergeben. Leider verzichtet sie auf Informationen über die Lieder im booklet. Jetzt geht der Punk ab - die russische Punk: Der Schriftsteller Wladimir Kaminer und der Musiker Yuri Gurzhy veranstalten eine Russendisko (Trikont US -0308; 16 Tracks, 48:58 min, Infos). Die Hits aus Rußland (und anderen Ex-UdSSR-Staaten), die auf den inzwischen legendären Tanzveranstaltungen in Berlin aufgelegt werden, sind jetzt auch als CD erhältlich. Musikalisch sind die Bands über jeden Zweifel erhaben, aber Westohren müssen sich an den Sound sicher erst gewöhnen. Mal etwas anderes zum abdancen. Schade, daß Mani Matter, diese Schweizer Chansonlegende, nicht deutsch gesungen hat. D.h. er hat natürlich in deutsch gesungen, aber eben in Berner Deutsch, was für hochdeutsche Ohren eine Fremdsprache ist. 1972 ist er gestorben, aber bis heute unvergessen. Warum syt dir so traurig? (Zytglogge 4085/ISBN 3-7296-4085-2; 212 Tracks, 74:51 min, Infos) fragen eine Gedenksendung des Schweizer Rundfunks von 1973 und der Soundtrack (Zytglogge 4086/ISBN 3-7296-4086-0; 25 Tracks, 46:56 min, Texte) eines gleichnamigen Filmes anläßlich seines Todestages. Auf der Sountrack-CD sind nur seine Lieder hören, auf der Radio-CD wechseln sich Stellungnahmen, Berichte und Beurteilungen durch Freunde und Bekannte mit Liedern ab. So entsteht das Porträt eines leisen, klugen und humorvollen Künstlers und Menschen. Zwei CDs, die sich ergänzen und überschneiden und die man nur empfehlen kann. Übrigens, auch hochdeutsche Ohren verstehen mit der Zeit und einiger Konzentration die Texte! Sächsisch ist ja nun auch nicht jedermanns Sache. Doch die Sachsendiva (RUM-rcords/Löwenzahn LZ 2482; live, 15 Tracks, 55:40 min) Katrin Troendle aus Leipzig macht's einem nicht schwer. Sie parodiert mit grobem/großem Spaß und Witz bekannte Schlager und Chansons. Diese vielseitige Dame verschmäht weder Roland Kaiser noch Kändler, Kreisler oder gar Chopin um das Publikum zum Lachen zu bringen. Es ist ihr gelungen. Die homestory (Pläne 88880; 10 Tracks, Texte) von Anne Haigis ist etwas für nette Abende. Eine dunkle, angekratzte Stimme, schöne Country- und Blues-Balladen zum Sinnieren ohne großen musikalischen Schnickschnack umgesetzt, was braucht's noch? Seit zig Jahren steht sie auf der Bühne und hat mit englischen und deutschen Titeln ihr Publikum begeistert. Auch diese CD wird ihr Publikum erfreuen. Songs an einem Sommerabend (Pläne 88872; 20Tracks, 74:25 min) heißt eine Veranstaltungsreihe, die alljährlich Liedermacher in Bayern vor dem Kloster Banz versammelt. Die (3.) CD vereinigt so illustre Namen wie Mey, Wader, Wecker, Wenzel, Ambros, Feidmann, Rosenstolz u.v.a.m.. Ein richtig schöner Sampler. Die Luft ist rein (SPV CD 085-11422; 11 Tracks, 47:00 min, Texte) für Ulla Meinecke, die ebenfalls seit vielen Jahren mit deutsprachigen Liedern Erfolge feiert. Sie singt die für sie typischen Songs, sehr persönliche Texte, nur etwas melancholischer als früher. Dieser Zug von Einsamkeit in den Liedern ist stärker als früher. Jeder lebt für sich allein. Da sie eine ausgezeichnete Texterin und Sängerin ist, und Stimmungen gut vermitteln kann, ist ihr auch diese CD wieder gelungen. Hannes Wader wurde 60! Aus diesem Anlaß hat es in Bielefeld, der Stadt seiner Jugend, eine besondere Geburtstagsfeier gegeben. Das Konzert (Pläne 88888; 2 CDs, live, 13 Tracks, 59:34 min + 15 Tracks, 63:07 min) von Mey Wader Wecker vereinigte drei der bedeutendsten deutschen Liedermacher an einem Abend. Sie singen zusammen, sie singen einzeln, die Stimmung war ausgezeichnet, es war ein einzigartiger Abend. Vom "Willy" bis zur "Diplomatenjagd" und zu "Bella ciao" reichte die Bandbreite der Geburtstagslieder. Drei sehr unterschiedliche Sänger auf zwei CDs und dennoch ein Programm aus einem Guß. Noch älter als die drei oben genannten Herren ist Franz Josef Degenhardt, der mit großer Beständigkeit seine Lieder zur Zeit vorträgt. Die alten Gewissheiten kommen ihm nicht mehr so selbstgerecht über die Lippen, heute hat er sich mehr aufs Beobachten, Kommentieren, Fragen und Zweifeln verlegt. Und - der Mann kann einfach gute Lieder machen, das hört man auch beim Quantensprung (Koch Universal 340050; 10 Tracks, 58:42 min, Texte): über den Wandel des Zeitgeistes und der Kumpane. Ruhige, z.T. geradezu milde Lieder, denen dennoch die inhaltliche Schärfe nicht abgeht. Ein guter alter Degenhardt. Sein Sprößling Kai Degenhardt singt Briefe aus der Ebene (Plattenbau Tel.: 040-4220417; 1 Tracks, 41:59 min, Texte). Auch er besingt kritisch den Zeitgeist, allerdings in der Sprache und den Bildern einer nachfolgenden, einer coolen Generation. So unterkühlt sind auch seine Lieder, gelegentlich hat er aber auch einen Hang zur radikalen Attitüde. Sei's drum, er versteht's Lieder zu machen, Texte zu schreiben, Metaphern zu finden, in Melodien umzusetzen und zu singen. Woody Gruthrie ist eine Legende der amerikanischen Songschreiber: Er schrieb unglaublich viele Lieder, beeinflußte eine große Anzahl Popstars, war Reisender, Liedersammler, politischer Aktivist und Sänger. Hans-Eckardt Wenzel, ein ostdeutscher Musiker, Autor, Schauspieler und Clown hat sich, trotz großer biographischer Unterschiede, auf Woody Guthrie eingelassen und seine eigenen Interpretationen erarbeitet. Nora Guthrie, die Tochter des Sängers, hat Wenzel eingeladen sich im Archiv Texte herauszusuchen und sie für sich zu bearbeiten. Ticky Tock - Wenzel singt Woody Guthrie (Conträr/Indigo; 14 Tracks, 49:26 min, Texte, Infos) heißt das eindrucksvolle Ergebnis dieser Adaptation. Wenzel ist es gelungen diese große poetische Kraft der Lieder, die gleichwohl volksnah und alltagsverbunden sind, ins Deutsche zu übertragen und adäquate Melodien dafür zu finden. Wenzel hat sein eigenes Liedergebäude auf dem Grund der Guthrieschen Texte errichtet. Ein beeindruckende, eine reife Leistung. Adaptationen ganz anderer Art wagt die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot: Sie spielt Kurkonzerte (Plattenmeister 075; 24 Tracks, 63:50 min). Ein Blasorchester (hervorgegangen aus "Karls Enkel", in dem auch Wenzel maßgeblich mitwirkte), nimmt sich Jazz, Arbeiterkampflieder, moderne klassische Kompositionen (Z.B. Eisler, Schostakowitsch) vor, nimmt sie ernst, verfremdet sie, ironisiert sie und entstaubt sie, so daß ein spannender Hörgenuß bereitet wird. Auf zwei Komponistenporträts und ein Jubiläum sei am Ende des musikalischen Teils noch verwiesen. Das kleine rührige Berliner Label "Duophon" hat seine 100ste Produktion heraus gebracht (Herzlichen Glückwunsch!): Walter Jurmann 100 Jahre (duo-phon 05353; 21 Tracks, 62:57 min, Infos). Dieser Komponist hat sich in den Zwanzigern in wenigen Jahre in die erste Reihe der Filmkomponisten gearbeitet. Da die UFA 1933 alle Juden entlassen hat, ging er in die USA, wo es ihm gelingt für Hollywood zu arbeiten. Auf der CD sind nur historische Aufnahmen von 1928-1933 (Bois, Tauber, Albers, Karlweis u.a.) zu hören, die Veronica mit dem Lenz ist sicherlich der bekannteste Titel. Theo Mackeben hat auch nach 1933 für die UFA gearbeitet und einige seiner Lieder sind heute noch populär. "Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da" mit Gustaf Gründgens und Lizzy Waldmüllers "Du hast Glück bei den Frau'n, Bel Ami" gehören sicherlich dazu. ...und über uns der Himmel (duo-phon 05343; 21 Tracks, 67:24 min, Infos) vereinigt ebenfalls große Namen des Filmgeschäfts (Gründgens, Leander, Serrano, Albers, Waldmüller, Horney, Eva Busch u.a.). Auf solchen CDs können naturgemäß immer nur die Lieder vorgestellt werden, die Komponisten haben aber ganze Filme musikalisch unterlegt. Heimweh nach Berlin (Edition Mnemosyne VS 2004/ISBN 3-934012-140; 2 CD-Box, 18 Tracks, 75:02 min + 17 Tracks, 57:20 min, ausführliche Infos) hatte Paul Graetz, der Berliner Schauspieler der Zwanziger schlechthin. Hört man Schauspieler berlinern (auch heute noch), dann stimmt meistens der Ton nicht. Paul Graetz traf diesen Ton genau. er hatte diese Schnauze mit Herz, die andere nur spielen. Darum haben Tucholsky, Mehring und Hollaender für ihn geschrieben, er hat das erste politisch-literarische Kabarett, das "Schall und Rauch" entscheidend geformt und er hat in unzähligen Filmen mitgewirkt. 1933 haben die Nazis Graetz aus dem Land getrieben, 1937 starb er in Hollywood, erst 46jährig, seines geliebten Berlins entwurzelt, deprimiert und beschäftigungslos. Eine CD mit Originalaufnahmen und eine CD mit einem Feature des unermüdlichen Volker Kühns für DLR/DLF Köln erinnern an diese geniale Berliner Quasselstrippe. Oskar Werner spricht Rainer Maria Rilke (BMG Wort 74321529902/ISBN 3-89830-025-0; 2 CDs; 2 Tracks, 49:14 min + 21 Tracks, 65:19 min, Infos, Texte) lautet der unscheinbare Titel seiner unvergleichlichen Interpretationen. Dieser begnadete Schauspieler trägt die Gedichte in unterschiedlichen Varianten vor und alle sind gelungen. Die erste CD stellt "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" in einer Aufnahme von 1952 und von 1980 vor: Der junge und der reife Oskar Werner im Vergleich. Auf der zweiten CD findet sich im Anschluß an die Gedichte noch das Probeband zur Aufnahme. Ein Meilenstein der Rilke-Rezitation. Das paßt zu Ihm: Konstantin Wecker liest Das bayrische Dekameron (Literos Verlag; 5 Tracks, 47:21 min, infos) von Oskar Maria Graf. Von den 31 erotisch-deftigen Geschichten liest Wecker fünf. Macht er selbstredend gut, man möchte mehr von ihm hören. Derb und einfühlend, kraftvoll und genau, die guten alten Zeiten waren gar nicht so ohne. Ernst Jandl war Dichter, Sprachspieler und Experimentierer, wurde verehrt, verachtet, mißverstanden und gefeiert. Die 13 radiophone texte & das röcheln der mona lisa (intermedium records; 15 Tracks, 67:05 min, Infos) auf CD zu bannen war eine gute Idee, da sie einen Einblick in die Arbeitsweise des Dichters geben. Er erklärt sich, er gibt eine Einführung in das Hörspielexperiment: "Das Röcheln der Mona Lisa". Er nennt es ein "akustisches Geschehen für eine Stimme und Apparaturen". Diese Kombination von Ernsthaftigkeit mit Humor, von Assoziation mit Experiment und Sprachfertigkeit mit kritischem Geist sucht seinesgleichen. Nix für nebenbei, aber eine spannende Scheibe, die den Geist anregt. Den Geist anregen wollen auch die folgenden Herren. Mit seinen scharfzüngigen Texten ist er immer noch am besten. Wiglaf Droste bekennt: Ich schulde einem Lokführer eine Geburt (Mundraub/FSR MR 6011-2; 19 Tracks, 70:55 min). Die CD vereint schrullige Geschichten, Beobachtetes, Boshaftes, Interessantes und Kritisches, sprachlich delikat zubereitet und vom Autor höchstpersönlich dargeboten. Ein lecker geistig Fresschen vom Hobbykoch. Beim Bestsellerfressen (WortArt 71308/Lübbe Audio ISBN 3-7857-1308-8; 10 Tracks, 79:00 min, Infos) mit Wolfgang Nitschke geht's weniger gemütlich zu, "Das Elend nimmt kein Ende" heißt es doch auch im Untertitel. Von Dieter Bohlen bis Iris Berben, von Bio bis Fliege und von Kardinal Meißner bis zum Dalai Lama bekommen 10 Nervensägen für ihr dussliges Geschreibe oder Gerede eins über die Rübe, daß es eine wahre Pracht ist. Muß auch mal sein und wer davon verständlicherweise noch mehr haben will, der sei an ein gleichnamiges Buch verwiesen: Bestsellerfressen 3 (Edition Tiamat ISBN 3-89320-061-4, 160 S.,13,00 •). Hier bekommen noch Nobbi Blüm, Heinz Rudolf Kunze, Richi von Weizsäcker, Günther Grass oder Hardy Krüger (u.a.) ihr Fett weg. Wer Ortrud Beginnen war? Wenn Sie die Lieder und Geschichten aus dem Katastrophenkoffer (Roof Music 2333178 / Eichborn ISBN 3-936186-27-8; 2 CDs, 18 Tracks, 76.50 min + 21 Tracks, 76.13 min, Infos) gehört haben, die Susanne Betancor und Gustav Peter Wöhler erzählen, dann wissen Sie's. Sie war eine begabte, sensible und sehr eigenwillige Schauspielerin und Kabarettistin. Sie war auffällig und schräg, sie war underground und etabliert, sie wurde bewundert und belächelt. Eine interessante, schillernde und viel zu früh gestorbene Künstlerin, an die hier mit vielen Originalaufnahmen erinnert wird. Schräg und bekannt war er auch, der Karl Valentin. Der unbekannte Valentin (Kein & Aber records/EFA Medien 23264-2 / Eichborn ISBN 3-0369-1118-9; 21 Tracks, 65:45 min), also Sketsche, die er selbst nie aufführte bzw. von denen es keine Aufnahmen gibt, wird von Gerhard Polt und Gisela Schneeberger im Verbund mit den Biermösl Blasn vorgestellt. Ein gewagtes, aber geglücktes Unterfangen. Absurdes, Hintergründiges und Unsinniges, wie man es von Valentin kennt, aber eben noch nicht kennt. Seine "Unpolitische Rede", sein "pessimistischer Optimismus" oder der "Streit mit schönen Worten" sind einfach ebenso meisterhaft, wie die beiden Darsteller mit Band. Mit dem Österreicher Otto Grünmandl hat der Bayer Gerhardt Polt zwischen 1980 und 1984 im Bayrischen Rundfunk über Die ganze Welt und überhaupt (Kein & Aber records/EFA Medien 22790-2 / Eichborn 3-0369-1106-5; 13 Tracks, 74:47 min) geredet. Haben Sie schon einmal über einen Antiquitäten-Duftspray für Rokoko-Schlafzimmer nachgedacht? Über solche Absurditäten reden die beiden. Aus 16 halbstündigen Plaudereien wurden fast 75 min herausgefiltert, man versteht, warum die Sendung so erfolgreich war. Ein schräger Vogel war der Schauspieler Jürgen von Manger eigentlich nicht, eher ein friedlicher, eher konservativer Bürger, aber sein schräger Kleinbürger Tegtmeier war einfach wunderbar (Roof Music RD 2333184 / Eichborn ISBN 3-96186-31-6; 4 CDs, 2:49 Std. gesamt). Da sind wieder Tegtmeiers berüchtigte Reden und Ansprachen zu hören, seine Ansichten über Theater und Kultur und seine innigen Berührungen mit der Justiz (v. Manger hat neben der Schauspielerei Jura studiert) zu genießen. Mit dem Tegtmeier hat v. Manger ganz wesentlich die Entstehung von nörgelnden, vor sich hin redenden oder kommentierenden Dialektfiguren im Kabarett gefördert. Er war kein scharfer politischer Entlarver im Kabarett, seine Kleinbürger haben sich eher selbst entlarvt, blieben aber gleichwohl liebenswert. Die volle Ladung Tegtmeier auch heute noch wunderbar. Ebenfalls aus diesem Kiez kommt Doktor Stratmann mit seinem Best of... (Roof-Music RD 2333179 / Eichborn ISBN 3-936186-28-6; 2 CDs, 11 Tracks, 61.04 min; 5 Tracks, 40:52 min) aus drei Programmen. Da schwatzt der Herr Doktor so vor sich, im Ruhrpott-Slang, natürlich über Krankheiten, über Krankheiten aber auch über Theaterbesuche und die Familie und über Krankheiten. Ebenfalls wunderbar. Noch ein bißchen tiefer in Westfalen, in Suchtdrup, begeben sich Upmann/Weissenberg als Bullemänner auf Ochsentour (WortArt 71302 / Lübbe 3-7857-1302-9; live, 17 Tracks, 70:54 min). Dort wo es morgens Bier vom Vortag zum halben Preis gibt, wo die Ökumene zwischen Katholiken und Moslems gewagt wird, aber bitte ohne Protestanten, und wo man abends nach Bett geht, da sind sie zuhaus. Also machen Sie sich auf einiges gefasst, erwarten Sie es nicht zu filigran, aber über Westfalen zu lachen macht ja auch Spaß. Über Westfalen und Düsseldorf lacht Konrad Beikircher sogar am liebsten, ...und sonst?! (Roof Musik RD 2333180 / Eichborn 3-936186-20-0; 2 CDs, live, 66:10 min + 12 Tracks, 69:53 min) neigt der Rheinländer ja nicht gerade zur Schweigsamkeit und deshalb wächst seine Rheinische Trilogie, und wächst und wächst. Der Tiroler Beikircher lehrt uns anhand vieler humoriger Beispiele das Rheinische besser zu verstehen. Sie haben ein wenig mitfühlendes Verständnis aber auch bitter nötig - bei dem Bier, was sie da unten trinken, können sie auf Sympathie nicht hoffen. Der Franke an sich ist ja nun nicht gerade für Geistesblitze und Spritzigkeit berühmt geworden - wenn sich Erwin Pelzig in Sachen Abitur (Piraterecords 510835-2; 20 Tracks, 68:39 min) und Pisa betätigt scheint's, daß er alle Vorurteile bestätigen möchte. Die 20 Abituraufgaben von Physik bis Religion, die Dr. Göbel stellt, verreißen die beiden Prüflinge Erwin und Hartmut (alle drei gesprochen von Frank-Markus Barwasser) gründlich. So komisch-schlimm steht's also um die Bildung in Deutschland (übrigens kann man bei der Auflösung der Abiturfragen auch einiges lernen.). Doch Rettung naht, zumindest in der Schweiz, denn Hilfried kommt (Kein & Aber records/EFA Medien 23279-2; live, 19 Tracks, 73:23 min). Christian Höbling spielt einen spröden, verklemmten Oberlehrertyp, der seinen belehrenden Vortrag immer wieder mit steif gesungenen Musikparodien unterbricht. Dieser Biedermann erweist sich dabei immer wieder als bösartiger Zyniker, weil ein Spießer natürlich kein Menschenfreund sein kann. Diese Mischung aus verfremdeter Schellackgemütlichkeit und korrekter Boshaftigkeit ist ein neuer Ton im Kabarett, so als ob man den frühen Professor Unrat mit Max Raabe gekreuzt hätte. Horst Schroth befindet sich Dauerkriegszustand mit dem anderen Geschlecht. Er hat sein Thema gefunden. Das beherrscht er ja auch, aber gewisse Abnutzungserscheinungen sind nicht zu leugnen. Es kommt also zum Katerfrühstück - Die letzten Geheimnisse (WortArt 71269; Lübbe ISBN 3-7857-1269-3; 36 Tracks, 74:39 min) werden verplaudert. Frauen und Männer als geheimnisvolle Wesen, die zudem gar nicht zueinander passen und es dennoch nicht lassen. Keine stillen Tage im Klischee, stattdessen bemüht er sie ein ums andere Mal. Nicht das wir uns falsch verstehen: er kann das und es ist auch komisch. Bei Richard Rogler ist der Anfang offen (WortArt 71298 / Lübbe 3-7857-1298-7; 2 CDs, live, 9 Tracks, 58:01 min + 8 Tracks, 54:11 min). Sein Camphausen hat auch Probleme mit die Frauens, vor allem mit seiner aber auch mit dem Rest der Welt. Ob als Hausmann oder als Firmenchef, bei den Kumpels oder in der Familie, die Welt ist schlecht zu ihm und die Zukunft ist auch nicht mehr das was sie einmal war. So schimpft er sich unverstanden durch die Zeit und macht sie für uns dadurch transparenter. Die Zeit transparenter machen, und damit sind wir wieder beim alten Europa und den neuen Zeiten, bemüht sich auch der Oskar-Preisträger Michael Moore in seinem Buch Stupid white man (Kunstmann ISBN 3-88897-334-1; 2 CDs, 153:20 min zusammen). Für Michael Moore ist George Bush nicht Mister President, weil er nicht die Mehrheit der Stimmen bei den Wahlen gewonnen hat, sondern sich und seinen Hintermännern die Macht ergaunert hat. Moore setzt sich ebenso faktenreich wie polemisch mit dieser Administration und ihrer Politik auseinander. Aber auch mit einigen Grundlügen des amerikanischen Selbstverständnisses geht er hart ins Gericht. Ein interessantes, aufsehenerregendes Buch, das Peter Lohmeyer kongenial vorliest. Bücher "Es liegt in der Luft was Idiotisches" so charakterisierte 1928 Marcellus Schiffer in einem Chanson seine Zeit. Sein langjähriger Partner Mischa Spoliansky schrieb die Musik dazu und seine Frau Margo Lion hat es gesungen. Frische und Leichtigkeit im Stil und dezente Zeitkritik waren sein Markenzeichen. Schiffer, geboren 1882, war daher einer der bedeutendsten Texter für Kabarett und Revuen seiner Zeit, aber er hat auch gezeichnet oder Erzählungen, z.B. für die Weltbühne, geschrieben. 1932 hat er sich überraschend (?) das Leben genommen. Sein Leben, seine Arbeit, seine Tagebücher und seine Zeichnungen werden von Viktor Rotthaler vorgestellt: Heute nacht oder nie (Weidle Verlag ISBN 3-931135-69-1, 248 S, 23 •). Umfangreich recherchiert und liebevoll ediert zeichnet der Band ein lebendiges Porträt dieses vielseitigen Künstlers. Der Zusammenarbeit, die Egoismen und die Eifersüchteleien dieser Berliner Kabarett- und Revueszene werden angesprochen, die Anstrengungen und die Erfolge der Arbeit , der zunehmende Antisemitismus Anfang der Dreißiger und die intensive und schwierige Beziehung zu Margo Lion sind in dem Buch zu finden. Dieses Buch holt einen Mann zurück in die Öffentlichkeit, der einen bedeutenden Anteil an dem hat was man die goldenen zwanziger Jahre nennt. Im weißen Rößl am Wolfgangsee, da lebt man heute noch von Ralph Benatzky, dem Komponisten dieser weltbekannten Operette. Inge Jens und Christiane Niklew haben Auszüge seiner Tagebücher (von 1919 bis 1946) herausgegeben, aus denen Triumph und Tristesse (Parthas Verlag / ISBN 3932529-43-0; 29,80 •) eines großen Künstlers hervorgehen. Er war Doktor der Philosophie, konnte mehrere Sprachen, dichtete, musizierte und komponierte - er war äußerst vielseitig begabt. Geboren wurde er 1884 in Mähren und gestorben ist er 1957 in Zürich, nach einer langen Odyssee als amerikanischer Staatsbürger. Aus seinen Tagebüchern wurden die ausschließlich privaten Stellen über seine Ehen, die letzten von Depressionen gekennzeichneten Jahre sowie langwierige Budget-Erörterungen und langatmige Kommentare weggelassen. Er erkannte sehr früh die barbarische Gefahr, die von den Nazis ausging, sein Selbstbewußtsein bezüglich seiner künstlerischen Leistung (auch im Vergleich zu anderen) war ausgeprägt, sein Verständnis für neuere Musikstile war begrenzt, seine, politisch bedingte, Entwurzelung war die große Tragik seines Lebens. Er wurde nicht von den Nazis verfolgt, aber er verabscheute sie und er versuchte vergeblich in den USA Fuß zu fassen. Es ist ergreifend, wie ein Mann mit diesen Talenten in seiner Zeit zerrieben wurde und heute fast vergessen ist. Friedrich Hollaender ist ein anderer Großer dieser Jahre, dessen Leben und Werk aber stärker im allgemeinen Bewußtsein verankert ist. Die Ausgabe 33/34 des Magazins für Literatur & Politik "Juni", hat sich als Sonderband unter dem Titel Literatur zum Gebrauch: Hollaender und andere (Weidler Buchverlag; ISBN 3-89693-182-2; 289 S, 29,00 •) mit eher unbekannteren Facetten Hollaenders beschäftigt. Sie veröffentlicht eine Reihe von ironischen, kritischen und unterhaltenden Gedichten und Beiträgen, die er für Zeitungen verfaßte. Der Band enthält zudem u.a. Artikel über Kurt Schwitters, Thomas Mann und Paul Abraham. Habn Sie 'ne Ahnung von Berlin! (Parthas Verlag ISBN 3-932529-44-8; 272 S, 29,80 • + 1 CD; 15 Tracks, 50.25 min) stellte Otto Reutter schon vor Jahrzehnten fest. Seine außergewöhnlichen Couplets (er war natürlich kein echter Berliner) gehören bis heute zum festen Repertoire der Kleinkunstbühnen. 71 Texte, einen Lebenslauf und eine CD hat Helga Hennemann in diesem Buch vereinigt, ein kompakter Otto Reutter zum Lesen und Hören. Inge Lammel war von 1954 bis 1985 Leiterin des Arbeiterliedarchivs der Akademie der Künste der DDR und ist daher wie kaum eine zweite mit einem Forschungsgegenstand vertraut, für den im Westen der Republik kaum das Wort geläufig war: Arbeiterlied - Arbeitergesang (Hentrich & Hentrich ISBN 3-933471-35-4; 319 S, 23,00 •). Aufsätze und Vorträge von ihr aus über 40 Jahren Forschung sind in dem Band versammelt. Von der Händel- und Beethoven-Rezeption, bis zur Erforschung einzelner Liedtradition, wie z.B. der Internationale reichen die Beiträge. Von zeit- und einstellungsbedingten Schwächen abgesehen füllt dieses Buch eine Lücke in der Volksliedforschung. Der Faszination Clown (Patmos ISBN 3-491-69067-6; 236 S, 11,95 •) sind schon viele Menschen erlegen, Annette Fried und Joachim Keller suchen die Gründe dafür. Ein interessantes Thema - doch das Buch leidet an seiner fehlenden Systematik. Vorne benutzte Typisierungen werden erst später erklärt, die Bilder dienen nicht der Verdeutlichung des Textes, was hilfreich gewesen wäre und einigen inhaltlichen Bewertungen möchte man nicht unbedingt folgen (z.B. beim Thema Tarot), manches fehlt (z.B. F.J.Bogner). Doch das Buch liefert trotz dieser Schwächen einen Einstieg in das Verständnis dafür, warum lachen die Menschen eigentlich über Clowns. Aus dem Verlag des Hessischen Rundfunks hr media (www.hr-audio.de) stammen drei Neuerscheinungen unter dem Titel "Kabarettgeschichten". Von Friedrich Hollaender über Claire Walldorff bis zu Gerhard Polt reicht der Bogen vom historischen Kabarett Anfang des 20. Jhdts. bis zu Gerhard Polts "Ursuppe", seinem Erstlings-Programm aus dem Jahre 1976 "Als wenn man ein Dachs wär´in seinem Bau". Richard Rogler in der Rolle des alternden Revoluzzers Camphausen ist wieder da. Auf seiner aktuellen Doppel-CD "Anfang offen" hat es Camphausen hart getroffen: Die Frau hat die scheidung eingereicht - und das nach 20 Jahren Hausmann! - Doch Camphausen ist wieder obenauf: ob mit seiner Männergruppe "Kleeblatt" auf Sylt oder im trauten Heim allein mit dem ultimativen Wischmob. Auch politisch reicht der Bogen von Gerhard Schröder bis zu Joschka Fischer. Bleibt das Fazit: "Camphausen geht (und blickt) nach vorn" (WortArt 71298). Die "Highlights" des Springmaus Improvisationstheater beschert uns digital gewordene Bühnengeschichten vom 1. FC Köln bis zur Fahrprüfung. Das Springmaus-Theater gilt als eines der besten Impro-Theater und hat hier ein echtes Highlight des Comedy produziert (WortArt 71256).



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